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Exlibris Publish App für Android Smartphones & Tablets

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K®olumnen 2013

All issues © Jörg Krogull
Hier eine Auswahl der 2012 und 2013 verfassten K®olumnen.

Bye, bye Paperback?

Es liegt gut in der Hand, ist übersichtlich gegliedert und erlaubt die gezielte Anwahl einzelner Seiten. Das Blättem geschieht mit einer lässigen Handbewegung. Der Nutzer kann Lesezeichen setzen und sich Notizen machen. Das Beste: Nach Benutzung kann das Gerät in die Wohnlandschaft integriert werden! Denn zur repräsentativen Aufbewahrung dient eine Hardware-Ergänzung, die sich nicht selten Ikea Billy 90 nennt.

Vor kurzem hat die UNESCO, Kulturorganisation der Vereinten Nationen, den Welttag des Buches erklärt. Wir feierten ein geniales Medium, das Mitte des 15. Jahrhunderts seinen Siegeszug durch Europa begann und seither das Leben der Menschen begleitet und bereichert hat – als Informationsträger, vor allem aber als Geschichtenerzähler. Denn das Buch schien über Jahrhunderte ein menschliches Grundbedürftris zu befriedigen: Von der Welt zu erzählen – und neue Welten zu erfinden. Höhlenmalereien oder in Stein geritzte Zeichenfolgen sind frühe Zeugen dieses Bedürfnisses und auch im Intemet-Zeitalter wird das Erzählen dem Menschen nicht auszutreiben sein.

Aber werden Ebook oder Tablet-PCs der Ära Gutenberg nun langfristig ein Ende setzen? Ich meine „Ja“! Und sicher ist auch, dass alle, die geistige Inhalte zu Papier bringen, umdenken müssen, sowohl Autoren als auch Zeitungs-, Magazin- und Buchverlage. Wer’s nicht tut, dem wird’s bald wehtun.

Schultornister ohne Bücher

Seit Jahrhunderten lernen Kinder in der Schule mit Büchern. Doch die Zukunft ist digital. Das behaupte ich hier und heute. Punkt. Aus. Schluss. Trends und Tendenzen, die auf der Kölner „didacta“ festzustellen waren, weisen alle in diese Richtung. Immer mehr Verlage bieten den Lehrstoff nicht nur als gedrucktes Buch, sondern auch für Computer, Tablet und ebook-Reader an. In die allgemeine Diskussion zu diesem Thema möchte ich mich heute einmischen. Auch als Gegenpol zu den Bendenken des Elternvereins NRW. Ja, richtig gelesen,, solch einen Verein gibt es tatsächlich! Man glaubt es kaum, zu welch (schul)ranzigen Vereinen die Deutschen fähig sind…

Egal, zurück zum Thema. Wer noch schulpflichtige Kinder hat, und ich habe ein zwölfjähriges Exemplar der Gattung Sek.-Stufe I vorzuweisen, kennt die Buchproblematik aus dem Effeff: Wo sind die Bücher? In der Schule, im Rucksack, im Kinder-, Wohn-, Schlaf- oder Sonstwas-Zimmer?. Fällt demnächst alles flach, denn:

Schüler können ein digitales Buch sowohl in der Klasse als auch zu Hause an einem Computer/Tablet nutzen. Sie müssen es nicht zwischen Schule und Wohnung hin- und hertragen. Der Tornister wird leichter.

In einem solchen Buch gibt es keine Gekritzel mehr, keine Unterstreichungen, Randbemerkungen und ausgerissene Seiten.

Die Seiten des E-Schulbuchs können mit Extra und Internetseiten verbunden werden. Man kann sich zum Beispiel im Latein- oder Englisch-Unterricht eine Passage oder ein Gespräch vorlesenen lassen. Man kann im Lexikon nachlesen, usw. usw.

Die Vorteile liegen also auf der Hand. Immer vorausgesetzt, dass ein aktiver Lehrer die ganze Angelegenheit unterstützt. Weil der Lehrer die Lust am Lernen weckt. Hoffentlich. Denn wenn in der Schule immer mehr am Computer (Whiteboard/Smartboard) gelernt wird, darf der Lehrer nicht doof in der Ecke stehen. Weil er dann kein Lehrer sondern nur noch Berater ist. Und das kann und soll bei aller Digital-Euphorie nicht sein!

Weitere Infos zu diesem Thema finden Interessierte unter www.digitale-schulbuecher.de

Head, Body & Soul

Die Agenturchefin fragte kürzlich im Jahr 2013: „Kannst du uns ausnahmsweise eine kleine Anzeige texten, mein Bester? Ich sagte: „Gib mir ein präzises Briefing, 35 Zeichen für die Headline und 400 Zeichen für den Fließtext, dann schreibe ich dir eine Anzeige die so scharf ist, dass die läufigen Hunde den FOCUS, den SPIEGEL, die WAZ und meinethalben sogar die DORSTENER NACHRICHTEN aus den Briefkästen klauen – so heiß, dass man darauf Buchstabensuppe kochen kann. Manche Textkollegen bekommen zwar mehr Lettern zugebilligt, aber mit nur 35 Zeichen für die Head und mickrigen 400 Zeichen für die Bodycopy schreibe ich trotzdem eine der besten Anzeigen Deutschlands. Versprochen!“

Zwei Tage später rief die Agenturfrau wieder an und meinte: „Die Artdirektoren glauben, dass für die Head nur 25 und den Fließtext nur 380 Zeichen machbar sind“. Ich sagte: „Mit 380 wird die Anzeige nicht mehr so informativ und tiefgründig sein, aber immer noch subtil, eine der besseren in Deutschland“.

Vorm Tag der Abgabe rief die Chefin wieder an: „Die Artdirektoren sagen, die Überschrift muss größer werden. Weißt du, die Leser wollen große Überschriften. Du kriegst 18 Zeichen für die Head und 200 Zeichen für den Brottext“. Ich dachte, das wird eine passable Anzeige. Schnell. Schnörkellos!

Noch am gleichen Tag rief die Assistentin der Agenturfrau an. Wann ich Zombie und Gruftie endlich merken würde, dass die Anzeige mit nur 10 Zeichen für die Head und 80 Zeichen für die Body auskommen müsste. Sie hätte definitiv nicht die Zeit und Lust zu kürzen. Die Grafiker hätten bis tief in die Nacht gearbeitet und beschlossen, dass die Anzeige luftiger gestaltet werden müsse. Leser wollen Luft in den Anzeigen, das wisse schließlich jeder! Die Anzeige wurde in der nun eintretenden Textphase 2 ein bisschen unsubtiler, eine Spur eindimensionaler – aber das habe ich mit den üblichen Tricks vertuscht.

Dann hieß es, man müsse mit mir reden, man spüre „bad vibrations“. Okay, es kam zum Gespräch und mir saßen zwei Artdirektoren gegenüber, ein Typ und eine Frau. Die Frau sagte: „ Mit 10/80 Zeichen bist Du noch gut bedient, Väterchen“. Der Typ betrachtete intensiv seine Fingernägel und sagte: „ Das sind die Gesetze der Werbewirtschaft, Kollege. Leser wollen Bilder, Freiraum, Illustrationen. Und natürlich die Info-Bar mit facebook-, twitter- und blog-Icon. So sieht’s aus, Mann“.

Ich antwortete: „Morgen gehe ich in eine Fotoausstellung und fange an, die Fotos mit einem Filzstift der Edding 3000er Serie zu überschreiben. Fotoausstellungsbesucher wollen Texte lesen, weiß Du, Compadre“. Die Artdirektoren haben nicht begriffen, worauf ich anspielte. Die Agenturfrau beschloss aber später: „Na gut, gebt ihm 15 für die Head und max. 105 für die Bodycopy. Aus alter Freundschaft“.

Was ich später las war „Sale! Kommen, gucken. kaufen“. OK, so geht’s natürlich auch. Wenn ich jedoch König von Deutschland wäre, würde ich den Beruf Artdirektor verbieten. Die vorhandenen würden zu Friseuren oder Schlauchbootverleihern umgeschult – in diesen Sparten dürfen sie den ganzen Tag abschneiden und Luft aufblasen.

Denn der Artdirektor verhält sich zur Kunst des schriftlichen Ausdrucks wie der weiße Tiger Montecore zum Zauberer Roy, wie eine eiskalte Dusche zur Erotik oder wie die Klimakatastrophe zu den Gletschern der Alpen. Subtiler kann ich das mit knapp 560 Worten nicht ausdrücken. Weil dies nämlich bereits Textlevel 3 im immerwährenden Spiel der Texter gegen Bildkreative ist. Oder sehe ich das zu textlastig, gar persönlich?

Creation und Pestregion

Autoren und Publizisten beherrschen bekanntlich die Kunst, von Luft zu leben. Naja, von Luft leben ja auch alle, aber nur Künstler und Publizisten schaffen es eben, kein Geld für ihre Leistungen zu benötigen. Deswegen ist es bekanntlich auch richtig, dass z.B. die zuletzt mit voller Internet-Bewaffnung im Bochumer RuhrKonress aufgelaufene Piratenpartei das Urheberrecht abschaffen oder stark reduzieren will. Denn das stört beim unbekümmerten Download allemal.

Zwar gibt es mit der Onleihe der Stadtbibliotheken mittlerweile durchaus auch legale Downloadmöglichkeiten, aber das erfolgt ja mit Digital Rights Management und wird allein schon deswegen gemieden wie eine virusgeplagte P(C)estregion.

Autoren und Publizisten leben wie gesagt bekanntlich von der Luft oder, unlängst von der AG Dok herausgefunden, im Falle von Dokumentarfilmern auch einfach wieder von den Eltern. Die haben ja etwas Vernünftiges gelernt, Maurer oder Elektriker, da läuft zur Zeit das Geschäft ja ganz gut wegen Noch-Konjunktur.

Noch so ein Geheimtipp, der in den Beraterkreisen von Kunst und Publizistik die Dauerrunde macht: Der freie Journalist ist heutzutage nicht nur Schreibender, sondern als Werbe- und PR-Texter und vor allem als Trainer und Dozent tätig. Ist nicht neu, die Vortragstätigkeit. Seit Jahrzehnten frieren sich Künstler und Publizisten auf irgendwelchen durchfrosteten Bahnsteigen und Omnibusbahnhöfen den vielzietierten A… ab, um zum Abendvortrag in der Volkshochschule oder Kirchengemeinde Dingenskirchen zu ziehen, um für brutto ein paar Euro plus Fahrtkosten für Bus&Bahn den Abendunterhalter zu machen, den alternativ allerdings auch Wildgans Yi-Gong-Lehrer, Pilateskönner, Yoga-Freaks, Esoterikdienstleister oder Volkstanzgruppen ersetzen können.

Jagdinstinkt, oder was?

Na, wer war das noch, der in seiner Rücktrittsrede beteuerte, er habe sich“ stets rechtlich korrekt verhalten“ und jammerte „Die Berichterstattungen die wir in den vergangegen zwei Monaten erlebt haben, haben meine Frau und mich verletzt“? Richtig geraten, der Kurzzeit-Bundespräsident Christian Wulff war’s und verschwand mit seiner Ehefrau wohldotiert, geschickt und schmollend in der Versenkung.

Ein paar Monate später taucht nicht nur er, sondern vor allem auch seine so arg verletzte Ehefrau mit einer Buchveröffentlichung auf, die das Verletztsein auf pikante Weise vergessen machen lässt. Kritische Stimmen und Recherchen werden jedoch wie Seidendessous abgestreift oder im Sinne einer eisernen Jungfrau mit Klagen bewehrt und bedroht.

Was lernen wir daraus? Das Muster ist stets das Gleiche. Gern flüchten sich Prominente und nicht nur Polit-Headliner in die Opferrolle. Dazu muss man nicht unbedingt nach Berlin schauen. Ein Blick nach Bochum reicht, wo gerade die gesamte Kommunalpolitik durch Nebenverdienste von Mandatsträgern durcheinander gewirbelt wird.

Vor allem dann, wenn er sich etwas zu Schulden hat kommen lassen, versucht homo politikus et prominentus einen Teil des Skandals den Medien anzulasten. Aber wie soll man sich das vorstellen? Das Kollegen von Stern, Spiegel, Bild und Süddeutscher Zeitung sich mit Lokalredakteuren heimlich treffen, um zu verabreden: Jetzt bringen wir den Wulff, den Steinbrück, die Scholz zur Strecke? Dieses Bild möchten die Betroffenen der Öffentlichkeit gern vermitteln.

Manchmal sogar mit Erfolg – zumindest eine Zeit lang. Übrigens gilt für alle Fälle: Journalisten decken denselbigen (Sünden)Fall nur auf. Verantwortlich dafür sind allein die Möchtegern-Opfer. So soll auch nicht jemand zur Strecke, sondern vielmehr die Wahrheit ans Tageslicht gebracht werden. Aber unbesorgt: Der nächste Skandal kommt bestimmt!

Elke und der Wolf

Wenn Elke Heidenreich, Journalistin und geschätzte Kollegin, in der Nachbetrachtung der Frankfurter Buchmesse meint, dass es wohl niemanden interessiert, welcher selbsternannte Promi in Bio- oder gar Autobiografien der Welt mitteilt, wann und wo er sich die Unterhosen an- und auszieht, hat sie prinzipiell recht.

Allerdings irrt sie in einem gewaltig. In den Selbstdarstellungswerken der Kachelmanns, Matthäus, Katzenbergers, Maschmeyers und Konsorten wie den Geissens geht es nicht darum, in deren vordrängelnder Eigenwahrnehmung lebens-, und damit lesenswerten Stoff zu vermitteln. Es geht schlichtweg ums schnelle Geschäft. Literarisch näher zu betrachtende Ergebnisse kommen dabei nicht heraus.

Allerdings gibt es Ausnahmen. Hierzu zählt gewiss die Robert Enke Biografie von Ronald Reng. Jedoch schon sehr zeitig, nur knapp 10 Monate nach dem Freitod des Torwarts veröffentlicht, was wohl der Aktualität des Themas Depression, Burnout und Leistungsdruck geschuldet war und einige Ethikpunkte kostete.

Bei der Auswahl der Biografien für die eigene Bibliothek kommt es natürlich auf die individuelle Interessenlage an. Prominent-Gucker, Yellow Press und Gala-Leser präferieren halt andere Einblicke als die Leserklientel, die mit feinstem Literaturflorett ausgefochtene Mensch-Dokumentationen bevorzugt.

Grundsätzlich aber gilt, und da wird aus dem Giovanni Trappatoni Zitat gedruckte Wirklichkeit: Je mehr Wälder Du betrittst, desto mehr Wölfe wirst Du treffen.

Multioptionsgesellschaft

Das Leben ist rasant geworden. Überall warten Optionen auf uns. Immer mehr Menschen glauben, Glück liege darin, das halsbrecherische Tempo der Multioptionsgesellschaft mitzumachen. Die Möglichkeiten auszuschöpfen. Alles muss schnell gehen. Reisen, Wohnort, Beziehungen, Arbeitsplatz – lieber flexibel bleiben, bloß nichts verpassen, lautet die Devise.

Warum? Weil es möglich ist! Heute ersetzen iphones, androids und galaxys das persönliche Gespräch, der Videochat via Tablet PC und internetfähigem TV den gemeinsamen Spaziergang. So bleiben wir en vogue, up to date, modern, multimedial etabliert, mobil. Wenn Glück sich doch sowieso nicht festhalten lässt, warum dann irgendwo verharren? Wenn alles geht, warum dann bleiben?

Vielleicht weil immer mehr Menschen mit diesem Fortschritt überfordert sind. Weil immer mehr Leute sich nach Einkehr und Ruhe sehnen. Ihnen dröhnt der Schädel vom Großstadtlärm, vom Handyton, vom Chat, vom Business- und Reisestress. Sie spüren nichts mehr, können den Augenblick nicht mehr genießen, haben keine Zeit.

Vielleicht sollten diese Menschen endlich wieder einmal lesen oder noch besser: schreiben. Trotz oder gerade wegen der Möglichkeit, dies unter Verwendung der sich bietenden Digitalliteratur zu tun. Vielleicht bekommen sie dann doch noch einmal eine Gänsehaut. Wenn nicht, verstehen sie vielleicht dann, was Denkende von Gedankenlosen unterscheidet. Vielleicht.